HOMETRAIL #2 | ERFURT | ILMENAU

29. September 2017

Unsere Hometrails…

einrad

Während ich mich nun mit dem Thema meiner „Homies“ auseinandersetze, stelle ich mir die Frage, was man als Einradfahrer schon für Hometrails haben kann. Die Manege des Kinderzirkus „Tasifan“? Oder doch eher die ehemalige Erfurter Rollschuhbahn über dem Steigerwaldstadion? Nein, tatsächlich ist es nichts davon.
Um den Begriff des „Hometrails“ ein wenig aus der eigentlichen Bedeutung erster, um den Heimatort liegender Wildwuchsstrecken zu reißen: Meiner Auffassung nach reden wir hier von den „Trails“ und Wegen, die mich zu dem Talent gemacht haben, das ich heute bin – gesponserter deutscher Vizemeister (Offene Deutsche Meisterschaft 2010) im Einraddownhill und Exot auf Erfurts Straßen.

Wie alles begann…

Treppe

Erste Fahrversuche startete ich 1999 im Alter von 8 auf einem 20“ Standardeinrad, wie jeder andere auch. Das Lernen dauerte nicht so lang wie die Verheilung der Hämatome am Schienbein meines Vaters, der mich immer hielt und die Pedale abbekam, wenn ich fiel. Als ich fahren konnte, wurde der Sport schnell langweilig und so legte ich mehr Wert auf das Zweirad, übte mich im Downhill und Dirtjump, bis ich Jahre später im Alter von 16 ein Video von Kris Holm sah, der in Whistler BC neue Grenzen im Einradfahren zu definieren schien. Auf mein erstes MUni stieg ich wenig später. Ein großes Rad, hydraulische Felgenbremse, stabil to the max. Nun hieß es: Mach‘ etwas daraus!

Doch ohne damit gerechnet zu haben, stellten sich schon die einfachsten Moves als große Hürden dar. Spring mal mit einem Einrad einen Bordstein, kreuze mal ein paar Wurzeln oder fahr durch Schlamm. Damals war nichts, wirklich nichts davon machbar. Anders als bei den meisten Fahrrädern, kannst du auf so etwas eben nicht rollen und nur schwer Schwung mitnehmen, du kannst in alle Richtungen fallen oder der Reifen bleibt an einer minimalen Unebenheit kleben. Also brauchte ich für jedes Hindernis im Alltag und in der sportlichen Karriere eine Ideallinie und einen Plan.

Ich übte sämtliche Bordsteine, bis ich die ersten 3er- und 4er-Treppensets der Stadt fahren konnte – das hat sich wie eine fahrerische Revolution angefühlt, weil die Möglichkeiten schlagartig stiegen. Ich fuhr nun jeden Bordstein, konnte kniehohe Mauern droppen und mit dem fetten 3.0er Duro Wildlife in 24 Zoll am Muni konnte ich sogar Bordsteine hochfahren. Mein Ziel, ohne Abstieg die 3.5 urbanen Kilometer zwischen meinen geschiedenen Eltern auf einem Rad zu überwinden, war bald keine Hürde sondern Normalität.

Meine erste Convention

wald
Als mich eine Freundin 2009 zu meiner ersten Einradconvention (German Muni & Trial Weekend) nahm und ich in den Müggelbergen Berlins das erste Mal „so richtig Downhill fuhr“, war meine Leidenschaft gänzlich zur Sucht geworden. Leider gibt es in und um Erfurt kaum richtige Trails, auf denen man gut Downhill fährt. Also suchte ich mir eine Alternative, um mich auf harte Pisten vorzubereiten – ich fuhr Treppen. Nicht nur eine oder zwei, ganze Absätze mit mehreren Stufen oder gar ganze Treppenstraßen.

Step by Step setzte ich mein Können auf die Probe und steigerte meine Leistungen, bis ich mich das erste Mal an die Stufen des Erfurter Doms herantraute. Sie auf einem Rad zu fahren war sehr lange Zeit meines Lebens unvorstellbar, doch dann tat ich es. Zugegeben, es benötigte einige Testversuche, der Kopf war nicht auszuschalten. Aber als ich es geschafft hatte, war ich der wohl glücklichste Rider der Welt und konnte mich allmählich jedem Treppenset der Stadt stellen.

Wenn nicht nur Stufen Absätze haben…

kinder

Als im selben Jahr mein zwanzigjähriger Bruder Michael mit seinem erfolgreichen Suizidversuch von uns ging, brach für mich als jungen Abiturienten fast die ganze Welt zusammen. Nichts machte mehr Spaß, nichts hatte einen Sinn und ich musste mich neu finden. Unvorstellbar für jemanden, der so einen Verlust nicht selbst erlebt hat, glaube ich. Auch wenn es sich seltsam anhört, da noch irgendwo Trost zu finden, doch so habe ich mir in diesem und den folgenden Jahren unheimlich viel aus meinem Sport geholt. Geprägt vom Verlust eines geliebten Menschen, versuchte ich der Welt dennoch etwas zurückzugeben und mir selbst zeitgleich viel zurückzuholen – ich trat in die Öffentlichkeit.

Mit zahlreichen Zeitungs- und Fernsehbeiträgen versuchte ich, diese unpopuläre Randsportart etwas bekannter zu machen, leitete über Jahre ein ehrenamtliches Einradtraining für Erfurter Kids, hielt Schulvorträge über diese Thematik, quatschte mit sehr vielen interessierten Leuten auf der Straße und nahm an Meisterschaften teil.

Manchen meiner Freunde oder Familienmitglieder wurde das sicher zu viel, öfter hörte ich „Hast du nichts anderes im Kopf“ oder „es gibt wichtigeres als Einrad“. Ganz klar, meine Lieben, ihr hattet Recht. Aber auf eine durch Leidenschaft gesteuerte Art und Weise hatte ich auch Recht, denn ich hatte viel zu verarbeiten und niemand wusste so recht, wo es langgeht.

Wie sich mein Alltag veränderte

Bei uns ist das wohl ein ähnliches Phänomen wie bei begeisterten Radsportlern – der Kleiderschrank schrumpfte auf die wesentlichsten Bestandteile (Radklamotten) zusammen, der Freundeskreis passte sich stark an gemeinsame Interessen an, meine Langzeitmotivation belief sich neben dem Studium in Biomedizinischer Technik auf Einradconventions und –meisterschaften. Ständig suchte ich nach neuen Trails, die mich immer und immer wieder neu fordern werden. Und siehe da, das Treppentraining hatte sich bestens ausgezahlt – bei meinem ersten Downhillwettkampf, der in Steinach/Thüringen stattfand, war ich totaler Rookie und kam auf den dritten Platz im Bergabfahren. „Wow!“ dachte ich mir, denn die Strecke war das heftigste Stück Piste, das ich bis dato gefahren war. Es fühlte sich mehr an wie Sterben als gekonntes Meistern der Strecke, doch ich war sau schnell!

Zwei Jahre später erweiterte sich meine Sicht von „harten Trails“ schlagartig, als ich zur WM nach Italien fuhr. Die Unicon 2012 hielt eine alpine expert-downhill Strecke (Plose) für mich bereit, die mich schnell auf ein anderes Niveau zu beamen versprach. Der Trail war etwa 3km lang und ganze 1000hm runter, alter Schwede! Dort lernte ich letztendlich, meine Bremse zu nutzen, was bis dahin noch eine Magura HS33 war. Mit diesem neuen Fahrstil, unterstützend zu bremsen, gelang es mir tatsächlich, mein Streckenniveau ein ganzes Stück hochzuschrauben und selbst Killerstrecken wie Steinach wurden zum Spielplatz.

Schiene

Angeber oder Vorzeigetalent?

Wisst ihr, die Menschen können so gemein sein! Haha, was fällt dir denn spontan als erstes ein, wenn du einen Einradfahrer siehst? Hier mal eine Top-5-Auswahl von den spontanen Impressionen jener, die mir den Aufstieg unbewusst erschwerten:

5: „Du willst doch nur angeben.“
4: „Kannst du dir kein ganzes Fahrrad leisten oder hast du die Hälfte verloren?“
3: *zirkusmelodie* gefolgt von Gelächter
2: „Mama, was macht der Junge denn da komisches?“
1:  „Alter, deine Eier!! Tut das nicht weh?“

Als erwachsener Mann kann ich darüber inzwischen schmunzeln, aber als Heranwachsender habe ich mich über so viel Aufmerksamkeit ganz schön gestört. Also nichts mit Angeber oder Poser, wenn man so einen Sport leidenschaftlich und ungestört ausüben will, schiebt man sein Rad über den Anger und steigt am nächsten Treppenset um die Ecke wieder auf.

Meine Form der Visualisierung des Sports…

Cramer, Jim:
Viele, viele Jahre sind seit meinem ersten Fotoshoot im Jahre 2009 vergangen. Einst eine witzige Idee unter zwei Freunden, etwas Außergewöhnliches auf Bild festzuhalten, wuchs dieses Hobby schnell zu etwas größerem heran. Das Shooting fand mit einem Kumpel am Erfurter Dom statt, Fotograf war Jim Cramer.
Noch ein paar weitere Termine sollten im selben und im Folgejahr stattfinden, doch der Erfolg des preisgekrönten „Schattenbildes“ konnte bei unserer Zusammenarbeit nicht übertroffen werden.

Schatten

Jockschies, Frank (Killpix)
Vier Jahre später startete ich eine weitere, sehr gelungene Zusammenarbeit mit Frank aus Ilmenau.
Seine Fotografie, zu finden unter dem Tag „Killpix“, passte wie die Faust auf’s Auge – ein frecher Streetstyle mit dem Fokus auf sportliche Höchstleistung stellte mich immer wieder vor neue Herausforderungen fahrerischen Könnens. „Ey du Paul, sag mal… Kannst du auch das da fahren?“ war eine häufig gestellte Frage, die es dann in Taten umzusetzen galt. Aus der Arbeit wurde Freundschaft und so zählt Frank seither zu meinen Besten, ebenso wie seine Fotografie einige der wohl schönsten Momente meiner Karriere festhielt.
Wer so viel Zeit zum Shooten miteinander verbringt, muss wohl auch zwangsläufig freundschaftlich gut auskommen.

Mattheis, Thomas (Hero_Moments)
Gut zwei Jahre arbeitete ich mit Thomas an waghalsigen Videodrehs, um auch in Bewegtbildern zu glänzen – unser größtes Videoprojekt zählt zu den erfolgreichsten Mountainunicycling Videos der Szene. „Thuringia is my Playground“ sollte man gesehen haben, wenn man sich fragt, was wir Thüringer hier so auf einem Rad treiben. :)

felsen2fahrer

Hat sich die Mühe gelohnt?

Einfach zu beantworten: Na klar!
Tagtäglich sehe ich, wie sich meine Mitmenschen an einem höflich aufgeschlossenen jungen Mann erfreuen, der seine Wege auf nur einen einzigen Rad bestreitet. So viele Fragen wurden mir gestellt. So viele weinende Kinder in meiner geliebten Heimatstadt, die plötzlich aufhörten zu weinen, wenn sie mich sahen. So viele Kids mit sicher nicht so leichten Lebensumständen, denen ich meine helfende Hand zum Erlernen einer schwierigen Sportart reichen konnte. So viel Aufmerksamkeit um einen Mann, der etwas macht, das scheinbar jeden zum Grinsen bringt – was soll man da bereuen?
Nicht nur, dass ich in freiwilliger Öffentlichkeitsarbeit tätig werden konnte, auch all die Fotosessions, Dreharbeiten für Videos, Interviews und persönlichen Gespräche, egal was ich tat, es schien stets mehr darzustellen als vergeudete Zeit.

Was konnte ich mit meinem Sport erreichen?

Inzwischen zähle ich ja zu den „Alten“, zu denen die neuen Talente aufschauen. Ich war deutschland- oder gar weltweit einer der ersten Fahrer, die ihren sportlichen Weg so akribisch auf Fotos und Videos festzuhalten schien und wenn man in der Szene mal rumfragt, haben sehr viele Fahrer schon von mir gehört. 2011 Bekam ich mein erstes Sponsoring, indem ich den größten Einradhändler Deutschlands davon überzeugte, Gutes für die Community zu tun. Danke an dieser Stelle an Roland & Petra von municycle.com!
Kurz darauf startete ich die direkte Zusammenarbeit mit dem Hersteller meiner Wahl, Quax-Unicycles. Ich durfte neue Produktserien testen, erhielt sehr viel Unterstützung direkt von der Quelle – davon träumt wohl jeder Sportler.
Als ich meine Öffentlichkeitsarbeit erweiterte und erste Videos von Hero_Moments auf Youtube erschienen, konnte ich auch den ersten szenenfremden Sponsor ins Boot holen. Uberbikecomponents aus den UK gaben  mir das Gefühl, auch im Zweiradsport Gehör zu finden und so erweiterte sich mein Horizont.
Kurze Zeit später stieß ich auf einen lokalen Bikepart-Hersteller aus Jena, dessen Produktpalette zwar nur bedingt mit meinen Anwendungsgebieten in Einklang war, doch deren Überzeugungen meine persönlichen Werte perfekt zu verkörpern schien. Ich schrieb den Jungs und Mädels von N8tive eine Mail mit dem Betreff „Hier kommt der Paul – auf einem Rad.“ und beschrieb, was ich sportlich gesehen so treibe und prompt erhielt ich die erheiternde Antwort – sie werden mich auf meinem Weg begleiten und unterstützen.
Ich freue mich noch heute wie am ersten Tag, denn ich bin es nicht gewohnt, etwas umsonst zu bekommen. Und doch, so scheint es, stehen alle meine Sponsoren mit ganzem Herzen hinter mir und ich bin unendlich stolz, ihre Produkte in die weite Welt der Trails zu tragen.

PAUL

Hier mal ein Auszug der beeindruckenden Bilder.

ntive-trikot geländer Rampe